Glossar · Kapitel 02

KI & Machine Learning

Der Sprung von der Automatisierung zur Autonomie beginnt mit einer anderen Art von Software: Systemen, die nicht programmiert, sondern trainiert werden. Machine Learning zog zuerst still in die Automatisierung ein — als Dokumentenleser, als Klassifizierer, als Prognosemodell. Mit großen Sprachmodellen (LLMs) kam ab 2022 die Fähigkeit dazu, Sprache, Kontext und Absicht zu verarbeiten. Dieses Kapitel erklärt, wie diese Systeme funktionieren, wo ihre Grenzen liegen — und warum man ihnen nie unbeaufsichtigt glauben sollte.

02.01Künstliche Intelligenz (KI)

Der Sammelbegriff für Systeme, die Aufgaben lösen, für die man gemeinhin menschliche Intelligenz braucht: verstehen, schließen, planen, lernen. In der Praxis ist „KI“ fast immer Machine Learning — Software, deren Verhalten aus Daten gelernt wurde statt aus handgeschriebenen Regeln. Wichtig für jede seriöse Diskussion: KI ist keine einzelne Technologie, sondern ein Spektrum — vom Spamfilter bis zum Sprachmodell.

02.02Machine Learning (ML)

Training · Inferenz

Statt einem Programm Regeln vorzugeben, zeigt man ihm Beispiele. Im Training stellt ein Algorithmus aus tausenden Beispielen (etwa: Rechnung + korrekt erkannte Felder) ein statistisches Modell auf. In der Inferenz wendet das fertige Modell das Gelernte auf neue Fälle an. Der fundamentale Unterschied zur klassischen Automatisierung: Das Verhalten ist gelernt und probabilistisch — es gibt keine Zeile Code, in der „die Regel“ steht, und keine Garantie, nur Wahrscheinlichkeiten.

BeispielEin Modell, trainiert auf 50.000 historischen Zahlungsausfällen, schätzt für jeden neuen Kreditantrag ein Risiko. Es folgt keiner einprogrammierten Formel — es hat Muster aus den Beispielen verallgemeinert.

02.03Neuronale Netze & Deep Learning

Die Modellfamilie hinter fast allen heutigen KI-Durchbrüchen: Netze aus Millionen bis Milliarden einfacher Recheneinheiten („Neuronen“), in Schichten gestapelt. Jede Schicht verwandelt ihre Eingabe in eine abstraktere Darstellung — aus Pixeln werden Kanten, aus Kanten Formen, aus Formen Objekte. Deep Learning heißt nur: viele Schichten. Je größer Netz und Trainingsdaten, desto fähiger das Modell — eine Beobachtung, die als Skalierungsgesetz die letzten zehn Jahre KI-Entwicklung getrieben hat.

02.04Large Language Model (LLM)

Ein sehr großes neuronales Netz, trainiert auf einem erheblichen Teil aller je geschriebenen Texte, mit einer scheinbar simplen Aufgabe: das nächste Wort vorhersagen. Aus dieser Aufgabe, milliardenfach geübt, entsteht etwas Bemerkenswertes — die Fähigkeit, Sprache zu verstehen, Wissen abzurufen, zu argumentieren und Anweisungen zu befolgen. LLMs sind der Motor agentischer Systeme: Sie liefern das Sprach- und Weltverständnis, das klassischer Automatisierung immer gefehlt hat.

Genauso wichtig ist, was ein LLM nicht ist: keine Datenbank, kein Rechenwerk, keine Quelle von Garantien. Es erzeugt plausible Fortsetzungen — deshalb braucht es im Unternehmenseinsatz Belege, Prüfungen und Grenzen.

KONTEXTFENSTERAnweisung + RegelnVertrag (via RAG)Frage: Zahlungsfrist?Sprachmodellsagt nächstes Wort voraus„… beträgt 45TageTage · 92 %Monate · 3 %Werktage · 2 %PLAUSIBILITÄT, KEINE GARANTIE — DESHALB: BELEGE + EVALS
Abb. — Ein LLM erzeugt die Antwort Wort für Wort aus Wahrscheinlichkeiten über seinem Kontext.

02.05Prompt & Kontextfenster

Der Prompt ist alles, was das Modell für eine Aufgabe zu sehen bekommt: Anweisung, Rolle, Regeln, Beispiele, Dokumente. Das Kontextfenster ist die maximale Menge davon — das Kurzzeitgedächtnis des Modells. Was nicht im Kontext steht, existiert für das Modell in diesem Moment nicht. In agentischen Systemen ist Prompt-Gestaltung deshalb Engineering, nicht Formulierkunst: Welche Daten, Regeln und Werkzeuge bekommt der Agent in welchem Moment zu sehen?

02.06Halluzination

Wenn ein Sprachmodell etwas Falsches mit voller Überzeugung sagt: eine erfundene Rechnungsnummer, ein nicht existierendes Gerichtsurteil, eine plausible, aber falsche Zahl. Halluzinationen sind kein Bug, der verschwindet, sondern eine Eigenschaft der Technik — das Modell optimiert auf Plausibilität, nicht auf Wahrheit. Der professionelle Umgang damit: Aussagen an Quellen binden (RAG), Ergebnisse maschinell prüfen (Evals, Verify-Schritt) und kritische Entscheidungen von Menschen freigeben lassen.

BeispielGefragt nach der Zahlungsfrist in einem Vertrag, antwortet ein Modell ohne Vertragszugriff „30 Tage“ — weil das die häufigste Frist in seinen Trainingsdaten ist. Mit RAG zitiert es stattdessen die echte Klausel: 45 Tage, Abschnitt 7.2.

02.07Retrieval-Augmented Generation (RAG)

Die Standard-Antwort auf Halluzinationen und veraltetes Modellwissen: Bevor das Modell antwortet, sucht das System die relevanten Passagen aus euren Dokumenten — Verträgen, Handbüchern, Tickets — und legt sie ihm in den Kontext. Das Modell antwortet dann auf Basis dieser Belege und kann sie zitieren. RAG macht aus einem allgemein gebildeten Modell ein System, das eure Wirklichkeit kennt — ohne dass dafür ein Modell trainiert werden muss.

02.08Fine-Tuning vs. Prompting

Zwei Wege, ein Modell auf eine Aufgabe einzustellen. Prompting (mit RAG und Beispielen) verändert nichts am Modell — schnell, günstig, sofort korrigierbar. Fine-Tuning trainiert das Modell auf eigenen Daten nach — teurer, träger, dafür formbar bei Ton und Spezialformaten. Die Praxisregel im Unternehmenseinsatz: Prompting und RAG zuerst; Fine-Tuning erst, wenn nachweislich nötig. Die meisten „wir brauchen ein eigenes Modell“-Projekte brauchen in Wahrheit bessere Prompts und besseres Retrieval.

02.09Evaluation (Evals)

Der Softwaretest für probabilistische Systeme: eine Sammlung realer Fälle mit bekannten richtigen Ergebnissen, gegen die das System automatisiert geprüft wird — nach jeder Prompt-Änderung, jedem Modell-Update, vor jedem Release. Ohne Evals ist jede Aussage über die Qualität eines KI-Systems ein Bauchgefühl. Mit ihnen wird aus „das Modell wirkt gut“ ein Messwert: 96,4 % korrekt auf 1.200 echten Fällen, kein Rückschritt gegenüber letzter Woche. Für uns der Kern seriöser Agenten-Entwicklung.